Das Geheimnis des Klangs

„Wer das Geheimnis des Klangs kennt, kennt das gesamte Universum“
~ Hazrat Inayat Khan

Wenn im Anfang das Wort war, wie das Johannes-Evangelium sagt, dann war im Anfang auch der Klang des Wortes.  Im Anfang war der Klang, und der Klang war bei Gott, und der Klang war Gott. Das Wahre, Schöne und Gute der Welt des Menschen erwächst aus dem Wohlklang, dem harmonischen Zusammenspiel der Seelen. Wenn das Göttliche die Harmonie ist, dann ist das Dämonische und Böse die Dissonanz, die Störung in der Musik der Sphären. Die Geschichten von den gefallenen Engeln beschreibt in Wahrheit die conditio humana, der Verlust des Paradieses, der Fall aus der heiligen Einheit ist der Moment, als die Dissonanz des menschlichen Egoismus die ursprüngliche Harmonie der Schöpfung verfälschte und verzerrte. Der vollkommene spirituelle Mensch ist im wahrsten Sinne des Wortes ein „Engel“, eine Ausstrahlung des göttlichen Bewusstseins, und der gefallene Mensch, der in die Gefangenschaft der Materie geraten ist, nur noch ein Schatten seiner Möglichkeiten. Der Sufi verwirklicht die Erlösung, Erleuchtung und Befreiung der Seele durch die Rückkehr in die ursprüngliche Harmonie. „Die Schöpfung ist die Musik Gottes“, sagt Hazrat Inayat Khan. Wahre religiöse Anbetung ist die bewusste Teilnahme an der göttlichen Musik. Nur wenn der Mensch leer wird, wie das Rohr der Flöte, kann der Atem Gottes frei durch ihn hindurch strömen, sodass sein Seelenklang, die symphonische Natur der Seele, rein und unverfälscht erklingt.

Die Wanderlust

Nur die Seele, die wandert, die Grenzen überschreitet, die über sich selbst hinaus wächst, ist wirklich lebendig. Die „Wanderlust“ ist das hervorstechende Merkmal jeder großen, freien und lebendigen Seele. Dabei denke ich nicht nur an die äußere Wanderung, sondern auch an die innere Reise in den Welten des Bewusstseins, die uns das Mysterium der Seele näher bringen. Selbsterkenntnis wird nicht erdacht; Selbsterkenntnis wird erwandert. Alle wahren und atmenden Gedanken, die einen wirklichen und bleibenden Wert haben, sind das Resultat einer Wanderung: sie erwachsen aus dem Kontakt mit der Realität, die immer größer, wunderbarer und schöner ist, als alle unsre Konzepte. Nur die Wandernden leben, nur die Wandernden denken, nur die Wandernden sind im Universum beheimatet.

“We wanderers, ever seeking the lonelier way, begin no day where we have ended another day; and no sunrise finds us where sunset left us.”
― Khalil Gibran, The Prophet

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Das Lichtgebet von Leonardo Da Vinci

„Möge es dem Herrn, dem Licht aller Dinge, gefallen mich zu erleuchten, auf dass ich das Licht würdig behandle.“

(Das Lichtgebet von Leonardo Da Vinci)

Leonardo, Segen und Friede seien auf ihm, sagte: „Das Göttliche Wesen der Kunst des Malers bewirkt, dass sich sein Geist in ein Abbild Göttlichen Geistes verwandelt.“ – „Schönheit und Harmonie sind göttlicher Natur“ – darum erforschte Leonardo die heilige Geometrie der Schöpfung, die innere Essenz ihrer Seele, das belebende Herz des Weltganzen. Im Grunde ist seine ganze Arbeit Seelenforschung gewesen. Was ist es, das die Welt im Innersten zusammenhält? Um diese Frage ging es ihm. Das wird sehr deutlich, wenn man die Notizbücher von Da Vinci liest. Sein Leben war geprägt von einem unablässigen Staunen und Verwundertsein über das Geheimnis des Lebens und der Komplexität der Schöpfung.

Möge uns sein spielerischer Genius inspirieren mehr von unsrem eigenen Potential zu verwirklichen, unsren ganz eigenen, persönlichen und unverwechselbaren Genius zu entdecken und mutig über den Tellerrand der Kleingeistigkeit hinaus zu blicken. Mögen wir alle in der vollen Größe, Schönheit und Kraft unsrer Seele leben. Jede Seele besitzt Schwingen, ist ihrer inneren Natur nach göttlich und wunderbar, aber nur wenn wir unsre gottgegebenen Schwingen öffnen, können wir uns in die Himmel der Geistigen Welt erheben, um etwas von dem Licht, dem Leben und der Wahrheit, die wir dort finden, zurück in diese Welt zu bringen.

Leonardo da Vinci: Die Notizbücher (in Leinen gebunden mit Goldprägung)

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Die Bienen des Unsichtbaren

Rilke über den metaphysischen Auftrag des Dichters.

„Die Natur, die Dinge unseres Umgangs und Gebrauchs, sind Vorläufigkeiten und Hinfälligkeiten; aber sie sind, solang wir hier sind, unser Besitz und unsere Freundschaft, Mitwisser unserer Not und Froheit, wie sie schon die Vertrauten unserer Vorfahren gewesen sind. So gilt es, alles Hiesige nicht nur nicht schlecht zu machen und herabzusetzen, sondern gerade, um seiner Vorläufigkeit willen, die es mit uns teilt, sollen diese Erscheinungen und Dinge von uns in einem innigsten Verstande begriffen und verwandelt werden. Verwandelt? Ja, denn unsere Aufgabe ist es, diese vorläufige, hinfällige Erde uns so tief, so leidend und leidenschaftlich einzuprägen, dass ihr Wesen in uns unsichtbar wieder aufersteht. Wir sind die Bienen des Unsichtbaren. Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.“

(Rilke im Jahr 1925 an seinen polnischen Übersetzer Hulewicz)

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Alhambra 8-point star of Islam

 

Entwerden wie der Tropfen im Ozean

„Der Sufi ist der gute Muslim“, schreibt William C. Chittick und folgt damit der alten Formulierung, dass „Sufismus ganz und gar rechtes Benehmen, gute Sitten“ sei. Jedoch: „Der Sufi ist jemand, der nicht ist“, lautet ein anderes altes Wort, das die Sufis sehr liebten, weil es treffend das Ziel des Mystikers andeutet, das auch mit dem schönen Ausdruck Meister Eckharts, entwerden, umschrieben werden kann. Entwerden in dem unbeschreiblichen göttlichen Wesen, so wie der Tropfen im Ozean, das war es, was viele Sufis erhofften, aber sie wussten: der Weg ist sehr lang und sehr schwierig, und nur wenige können hoffen, ihr Ziel zu erreichen, das sie in immer anderen Symbolen und wechselnden Metaphern im Laufe der Zeit ausgedrückt haben.

Unter den Sufis gibt es große einsame Meister, die in ständiger Abtötung den harten Weg zu gehen suchen, es gibt begnadete Lehrer, die es verstehen, Menschen anzuziehen und in die Geheimnisse des Glaubens und der Liebe einzuweihen; es gibt ungebildete simple Seelen, des Lesens und Schreibens nicht kundig, deren Ausstrahlung so stark ist, dass sie das Gnadengeheimnis wortlos dem Sucher einfach durch ihr Dasein und Sosein zeigen können. Es gab philosophisch-theologisch geschulte Denker, die gewaltige Systeme erbauten, welche dann von späteren Generationen wieder vereinfacht und dabei oft verflacht wurden, und gottestrunkene Sänger, deren Lieder durch die Jahrhunderte erklungen sind, sei es in Nordafrika oder Indien, in Anatolien oder Iran. Allen aber ist eines gemeinsam: die Suche nach dem höchsten Prinzip, ob man dieses nun als – wie Jacob Böhme sagen würde – „Ungrund“ der Gottheit bezeichnet oder als den göttlichen Geliebten, ob man sich der unvorstellbaren Schönheit in Liebesüberschwang naht oder die Manifestationen Gottes Ebene für Ebene zu durchschreiten und so die „Schleier der Unwissenheit“ zu heben versucht.

Der Weg ist notwendig, und er ist lang und hart, selbst wenn es geschehen mag, dass die göttliche Gnade hin und wieder einen Sucher so anzieht, dass sie ihn in einem plötzlichen ekstatischen Erleben zur Vollendung bringt, wobei der Schock der Erleuchtung, manchmal dazu führt, dass sich der Verstand umnachtet oder, wie es besser heißen sollte, „umtagt“. Nicht intellektuelles Wissen ist das letzte Ziel der Sufis, sondern existenzielle Erfahrung; und wenn sie, die sich immer wieder daran zu erinnern suchten, dass Bücher nichts nützen, um das letzte Mysterium zu erfahren, auch ungezählte Bücher geschrieben haben, die oft nicht viel spannender sind als die von ihnen verachteten haarspalterischen juristischen und zum Teil auch theologischen Traktate, so wussten sie doch, dass es nicht auf die schwarzen Buchstaben ankam, sondern darauf, „das Weiße zwischen den Zeilen zu lesen“, das heißt, den inneren Sinn der Worte, wie er von Generation zu Generation weitergegeben wurde, zu erfassen. 

~ Annemarie Schimmel, Sufismus: eine Einführung in die islamische Mystik S. 8/9

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Nafas ar-Rahman: der Atem des Allbarmherzigen

Nicht wir umfassen die Wahrheit, die Wahrheit umfasst uns. Nicht wir leben die Liebe, die Liebe lebt uns. Nicht wir atmen, Gott atmet durch uns, denn er ist der Atem allen Atems. In jedem Augenblick gewährt Gott uns das Wunder des Atems, des Herzschlags und des Seins. Die Sufis sagen: „das ganze Universum ist der Atem des Allbarmherzigen“. Alles empfangen wir aus den Händen des gnadenreichen und barmherzigen Geliebten. Das ist ein wunderschöner Gedanke. Wenn wir dieser heiligen Vision unser Herz öffnen, dann kann das eine spirituelle Revolution in unsrem Leben bewirken. Dieser eine Gedanke verändert alles.

„(Nafas ar-Rahman). The Breath of the All Merciful. This exceedingly beautiful term indicates the evanescent nature of existence in its state of constant change and renewal. It is the Supreme Isthmus and the very substance of the universe is the Breath of the All Merciful. In their state of non-existence the entities are contracted and distressed). This Divine Breath brings relief to them by giving them their existence. Allah breathes out, and through His All Merciful Breath He speaks. We, the creation, are His Words. We are the forms and He is the meaning.“ (The Language of the Future. Sufi Terminology by Murshid F.A. Ali ElSenossi )

Die Seele des Menschen ist der Modus der göttlichen Selbsterinnerung und das Herz der Spiegel seines Lichts. Nichts bin ich und vermag ich aus mir selbst, denn selbst mein Selbst empfange ich durch ihn. Wer bin ich? Der Sufi beantwortet diese Frage nicht mehr. Er ruht im Mysterium der göttlichen Gegenwart. Seine Hingabe an Gott ist so allumfassend, so vollständig, so selbstlos, dass alles, was von ihm bleibt, nur noch der Atem des Geliebten ist. Rumi erzählt diese Geschichte:

„Ein Mann kam zur Tür der Geliebten und klopfte.
Eine Stimme fragte „Wer ist da“?
„Ich bin es“, antwortete er.
„Hier ist nicht genug Platz für dich und mich“,
sagte die Stimme, und die Tür blieb geschlossen.
Nach einem Jahr der Einsamkeit und Entbehrung
kam der Mann wieder und klopfte erneut.
„Wer ist da?“ fragte die Stimme.
„Du bist es“, sagte der Mann,
und die Tür wurde geöffnet.“