Die Bienen des Unsichtbaren

Rilke über den metaphysischen Auftrag des Dichters.

„Die Natur, die Dinge unseres Umgangs und Gebrauchs, sind Vorläufigkeiten und Hinfälligkeiten; aber sie sind, solang wir hier sind, unser Besitz und unsere Freundschaft, Mitwisser unserer Not und Froheit, wie sie schon die Vertrauten unserer Vorfahren gewesen sind. So gilt es, alles Hiesige nicht nur nicht schlecht zu machen und herabzusetzen, sondern gerade, um seiner Vorläufigkeit willen, die es mit uns teilt, sollen diese Erscheinungen und Dinge von uns in einem innigsten Verstande begriffen und verwandelt werden. Verwandelt? Ja, denn unsere Aufgabe ist es, diese vorläufige, hinfällige Erde uns so tief, so leidend und leidenschaftlich einzuprägen, dass ihr Wesen in uns unsichtbar wieder aufersteht. Wir sind die Bienen des Unsichtbaren. Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen.“

(Rilke im Jahr 1925 an seinen polnischen Übersetzer Hulewicz)

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Alhambra 8-point star of Islam

 

Entwerden wie der Tropfen im Ozean

„Der Sufi ist der gute Muslim“, schreibt William C. Chittick und folgt damit der alten Formulierung, dass „Sufismus ganz und gar rechtes Benehmen, gute Sitten“ sei. Jedoch: „Der Sufi ist jemand, der nicht ist“, lautet ein anderes altes Wort, das die Sufis sehr liebten, weil es treffend das Ziel des Mystikers andeutet, das auch mit dem schönen Ausdruck Meister Eckharts, entwerden, umschrieben werden kann. Entwerden in dem unbeschreiblichen göttlichen Wesen, so wie der Tropfen im Ozean, das war es, was viele Sufis erhofften, aber sie wussten: der Weg ist sehr lang und sehr schwierig, und nur wenige können hoffen, ihr Ziel zu erreichen, das sie in immer anderen Symbolen und wechselnden Metaphern im Laufe der Zeit ausgedrückt haben.

Unter den Sufis gibt es große einsame Meister, die in ständiger Abtötung den harten Weg zu gehen suchen, es gibt begnadete Lehrer, die es verstehen, Menschen anzuziehen und in die Geheimnisse des Glaubens und der Liebe einzuweihen; es gibt ungebildete simple Seelen, des Lesens und Schreibens nicht kundig, deren Ausstrahlung so stark ist, dass sie das Gnadengeheimnis wortlos dem Sucher einfach durch ihr Dasein und Sosein zeigen können. Es gab philosophisch-theologisch geschulte Denker, die gewaltige Systeme erbauten, welche dann von späteren Generationen wieder vereinfacht und dabei oft verflacht wurden, und gottestrunkene Sänger, deren Lieder durch die Jahrhunderte erklungen sind, sei es in Nordafrika oder Indien, in Anatolien oder Iran. Allen aber ist eines gemeinsam: die Suche nach dem höchsten Prinzip, ob man dieses nun als – wie Jacob Böhme sagen würde – „Ungrund“ der Gottheit bezeichnet oder als den göttlichen Geliebten, ob man sich der unvorstellbaren Schönheit in Liebesüberschwang naht oder die Manifestationen Gottes Ebene für Ebene zu durchschreiten und so die „Schleier der Unwissenheit“ zu heben versucht.

Der Weg ist notwendig, und er ist lang und hart, selbst wenn es geschehen mag, dass die göttliche Gnade hin und wieder einen Sucher so anzieht, dass sie ihn in einem plötzlichen ekstatischen Erleben zur Vollendung bringt, wobei der Schock der Erleuchtung, manchmal dazu führt, dass sich der Verstand umnachtet oder, wie es besser heißen sollte, „umtagt“. Nicht intellektuelles Wissen ist das letzte Ziel der Sufis, sondern existenzielle Erfahrung; und wenn sie, die sich immer wieder daran zu erinnern suchten, dass Bücher nichts nützen, um das letzte Mysterium zu erfahren, auch ungezählte Bücher geschrieben haben, die oft nicht viel spannender sind als die von ihnen verachteten haarspalterischen juristischen und zum Teil auch theologischen Traktate, so wussten sie doch, dass es nicht auf die schwarzen Buchstaben ankam, sondern darauf, „das Weiße zwischen den Zeilen zu lesen“, das heißt, den inneren Sinn der Worte, wie er von Generation zu Generation weitergegeben wurde, zu erfassen. 

~ Annemarie Schimmel, Sufismus: eine Einführung in die islamische Mystik S. 8/9

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Nafas ar-Rahman: der Atem des Allbarmherzigen

Nicht wir umfassen die Wahrheit, die Wahrheit umfasst uns. Nicht wir leben die Liebe, die Liebe lebt uns. Nicht wir atmen, Gott atmet durch uns, denn er ist der Atem allen Atems. In jedem Augenblick gewährt Gott uns das Wunder des Atems, des Herzschlags und des Seins. Die Sufis sagen: „das ganze Universum ist der Atem des Allbarmherzigen“. Alles empfangen wir aus den Händen des gnadenreichen und barmherzigen Geliebten. Das ist ein wunderschöner Gedanke. Wenn wir dieser heiligen Vision unser Herz öffnen, dann kann das eine spirituelle Revolution in unsrem Leben bewirken. Dieser eine Gedanke verändert alles.

„(Nafas ar-Rahman). The Breath of the All Merciful. This exceedingly beautiful term indicates the evanescent nature of existence in its state of constant change and renewal. It is the Supreme Isthmus and the very substance of the universe is the Breath of the All Merciful. In their state of non-existence the entities are contracted and distressed). This Divine Breath brings relief to them by giving them their existence. Allah breathes out, and through His All Merciful Breath He speaks. We, the creation, are His Words. We are the forms and He is the meaning.“ (The Language of the Future. Sufi Terminology by Murshid F.A. Ali ElSenossi )

Die Seele des Menschen ist der Modus der göttlichen Selbsterinnerung und das Herz der Spiegel seines Lichts. Nichts bin ich und vermag ich aus mir selbst, denn selbst mein Selbst empfange ich durch ihn. Wer bin ich? Der Sufi beantwortet diese Frage nicht mehr. Er ruht im Mysterium der göttlichen Gegenwart. Seine Hingabe an Gott ist so allumfassend, so vollständig, so selbstlos, dass alles, was von ihm bleibt, nur noch der Atem des Geliebten ist. Rumi erzählt diese Geschichte:

„Ein Mann kam zur Tür der Geliebten und klopfte.
Eine Stimme fragte „Wer ist da“?
„Ich bin es“, antwortete er.
„Hier ist nicht genug Platz für dich und mich“,
sagte die Stimme, und die Tür blieb geschlossen.
Nach einem Jahr der Einsamkeit und Entbehrung
kam der Mann wieder und klopfte erneut.
„Wer ist da?“ fragte die Stimme.
„Du bist es“, sagte der Mann,
und die Tür wurde geöffnet.“

Der wahre Heilige gleicht einem goldenen Löwen

„Der wahre Heilige, so heißt es, ist gleich einem goldenen Löwen im Wald dieser Welt, und reißende Löwen beugen sich vor ihm als gehorsame Reittiere. Vielleicht die bewegendste Rolle des Löwen findet sich in Rumis Fihi ma fihi: die Leuten reisten von nah und fern, um einen berühmten starken Löwen zu betrachten, aber niemand wagte es, sich ihm zu nähern; doch hätte man ihn gestreichelt, so wäre er das freundlichste Geschöpf in der Welt gewesen; was man braucht, ist absoluter Glaube, dann besteht keine Gefahr.“ 

~ Annemarie Schimmel, Die Zeichen Gottes S. 51

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Briton Rivière – Una and the Lion