Liebe … Liebe… nur noch Liebe…

“Im Grunde genommen ist jedes Teilchen der Welt, ist Alles und Jedes, ja die ganze Welt, Liebe; in Allem und Jedem flammt das Feuer der Liebe, in jedem Partikel, in jedem Atom! Alles ringt darum, sich mit dem/der Geliebten zu vereinen, alles ist trunken von der Vereinigung.” ~ Rumi, der Pol der Liebe (Divan-i kebir 3-1333)

Die göttliche Einheit allen Lebens

“Die klassische Sufi Tradition betont sehr stark die göttliche Einheit allen Lebens (tawhid genannt). In dieser Sichtweise, die von Rumi, Ibn Arabi und vielen anderen geteilt – und durch eine Interpretation des Korans selbst gerechtfertigt wird-, kam die ganze Schöpfung ins Sein, um die grenzenlosen, heiligen Eigenschaften durch alle Wesen zum Ausdruck zu bringen. Insbesondere erschuf Gott den Menschen als einen Spiegel, der die Gesamtheit des Göttlichen enthalten und spiegeln könne, einschließlich des ganzen Bewusstseins der Natur und des Universums. Das bedeutet nach Ansicht der Sufis, ein ganzer Mensch zu sein. (S. 20)”
― Neil Douglas-Klotz, Sufibuch des Lebens • 99 Meditationen der Liebe

Was ist dein Vers?

Ich und mein Leben, die immer wiederkehrenden Fragen, der endlose Zug der Ungläubigen, die Städte voller Narren. Wozu bin ich? Wozu nutzt dieses Leben? Die Antwort: Damit du hier bist. Damit das Leben nicht zu Ende geht, deine Individualität. Damit das Spiel der Mächte weitergeht und du deinen Vers dazu beitragen kannst.~ Walt Whitman

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Walt Whitman, 37 Jahre, Titelbild von Leaves of Grass

 

Light up the darkness

Es ist erstaunlich, wozu menschliche Wesen in der Lage sind. Mit Geduld, Hingabe und Disziplin sind sie fähig Schönheit zu erschaffen, welche das ganze Universum erleuchtet und mit Sinn erfüllt. Der Künstler ist der „Sol Novus“, der Lichtbringer eines neues Bewusstseins, so wie Christus es gewesen ist, der das Leben selbst zum Kunstwerk machte. Bob Marley sagte: Light up the darkness. Erhelle die Finsternis. Das ist die ewige Aufgabe des Künstlers; wie Christus gibt er sein Leben hin, um der ganzen Welt ein Licht zu sein und dem Göttlichen näher zu bringen. Kunst und Spiritualität gehören zusammen. Beide haben das selbe Ziel: die Vergöttlichung des Menschen. Die innere und äußere Transformation der Welt. Alle Kunst ist Übung, um  das Leben selbst zum Kunstwerk zu machen. Indem wir die Welt der göttlichen Schönheit und Herrlichkeit näher bringen, erlösen wir sie. Die Arbeit des Ikonenmalers Liviu Dumitrescu ist ein sehr schönes Beispiel dafür…

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Das Goldene Zeitalter ist hier und jetzt

Das Goldene Zeitalter als Ideal und Utopie für die Zukunft halte ich für sehr wichtig. Jeder Mensch kann sich diese Frage stellen: was wäre für mich ein Goldenes Zeitalter? Seit Jahrtausenden prophezeien Propheten und Mystiker das Kommen eines Goldenen Zeitalters. Doch vielleicht trägt jede Seele ein Goldenes Zeitalter in ihrem tiefsten Inneren, den Samen der Erleuchtung, unsre Christusnatur oder Buddhanatur, das Göttliche Bewusstsein des Selbst, die lebendige und mitfühlende Sonne des erwachenden Herzens? Wenn wir dieses Potential leben, dann werden wir zum Licht der Welt. Der große Weise Adi Shankaracharya sagte:

„Der Herr der ersten Dämmerung (Aruna) selbst hat schon die tiefste Dunkelheit geraubt, wenn bald die Sonne aufgeht. Das Göttliche Bewusstsein des Selbst geht auf, wenn die richtige Erkenntnis die Dunkelheit im Herzen vertrieben hat […] Der Yogi mit vollkommener Erkenntnis und Erleuchtung sieht durch sein „Auge der Weisheit“ (Jnana Chakshush) das ganze Universum in seinem eigenen Selbst und betrachtet alles als sein eigenes Selbst und nichts anderes“ (Atma Bodha & Aparoksha Anubhuti: Die Erkenntnis des Selbst & Die direkte Verwirklichung des Selbst)

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Ein christlicher Mystiker würde das vermutlich das „in-Eins-mit-Christus-sein“, die unio mystica und Begegnung mit dem lebendigen Christus nennen. Die Sufis sprechen von der  Vereinigung mit dem göttlichen Geliebten (Allah“). Könnte es sein, dass sie alle von der selben tiefen psychologischen und mystischen Einsicht sprechen? Wenn wir dieses wahre Selbst verwirklichen, dann verwandelt sich unsre Lebenszeit in ein Goldenes Zeitalter. Dann verweilen wir in der Herrlichkeit unsres eigenen Selbst – als ein Atmarama („derjenige, der sich am höchsten Selbst erfreut“) daran können wir eine wirklich befreite Seele (Jivanmukta) erkennen: sie erlebt Freude, unabhängig von äußeren Dingen. Ein wirklich erleuchteter Mensch kann jedes Kali Yuga (dunkle Zeitalter) durch spirituelle Alchemie in ein Satya Yuga (Goldenes Zeitalter) verwandeln, weil er selbst zum Licht geworden ist. Wir müssen begreifen, dass die Welt das Spiegelbild unseres Bewusstseinszustandes ist. Selbsterkenntnis, die Erkenntnis „Söhne des lebendigen Vaters“ zu sein, das Einssein mit dem Vater (die Nicht-Dualität des Selbst) vergoldet die Zeit und verwandelt unser Sehvermögen.

„Jesus sagte: Wenn die, die euch führen, euch sagen: seht, das Königreich ist im Himmel, so werden euch die Vögel des Himmels vorangehen; wenn sie euch sagen: es ist im Meer, so werden euch die Fische vorangehen. Aber das Königreich ist in eurem Inneren, und es ist außerhalb von euch. Wenn ihr euch erkennen werdet, dann werdet ihr erkannt, und ihr werdet wissen, dass ihr die Söhne des lebendigen Vaters seid. Aber wenn ihr euch nicht erkennt, dann werdet ihr in der Armut sein, und ihr seid die Armut.“ (Das Thomas-Evangelium)

Wer sich selbst erkennt, der erkennt seinen Herrn. Jesus hat Recht: „die Zeit ist erfüllt, das Königreich Gottes ist nahe“, denn das Königreich Gottes ist immer nahe, wenn wir der Wahrheit nahe sind. Wahres Sehen führt zur höchsten Glückseligkeit und vollkommenen Freiheit. Wir müssen nicht nach Indien pilgern, um die Wahrheit zu sehen, nicht nach Dharamsala (die Exilheimat des Dalai Lama), auch nicht nach Jerusalem oder irgendeinen anderen Ort. Wir müssen nicht darauf warten, dass die Welt sich verändert. Die Wahrheit ist hier. Die Wahrheit ist einfach. Die Wahrheit ist in deinem tiefsten Inneren. Die Wahrheit ist ein pfadloses Land, wie Krishnamurti sagt. Es gibt keinen Weg zur Wahrheit, wir sind bereits angekommen, da wir unsre wahre Heimat in Gott nie verlassen haben. Das erwachte Herz fühlt den Frieden und die Liebe, die höher ist als alle Vernunft. Nicht das diskursive Denken, sondern das fühlende Erkennen, die radikale Offenheit des Herzens führt uns zur Wahrheit. Die vier großen Mahavakyas (Affirmationen aus dem Vedanta) bringen das zum Ausdruck: beispielsweise Tat Tvam Asi („Das bist du“). Das heißt, alles was du suchst bist du bereits. Manchmal enthält ein einziger Satz ein ganzes Universum. So ist es bei den Mahavakyas, denn sie sprechen von dem Einen Allumfassenden Selbst. 

Wenn du mit dem Auge des Herzens, mit deinem wahren Selbst siehst, dann ist alles in ein wunderbares goldenes Licht getaucht und das Universum wird als harmonische Einheit erlebt. Das goldene Zeitalter ist nicht in der Vergangenheit oder der Zukunft. Das goldene Zeitalter ist hier und jetzt: das Göttliche in Allem. Das gelobte Land ist immer hier, das goldene Zeitalter ist immer jetzt.  Wir sind immer in der Gegenwart des Geliebten, des Einen, eingetaucht in eine Realität der Schönheit und Herrlichkeit, nur manchmal sind wir nicht wach genug, um es klar und deutlich zu erkennen. Das ist der tiefere spirituelle Grund, warum die Liebenden zueinander sagen: „Du bist mein Ein und Alles… ich möchte keinen Tag mehr ohne Dich sein…“  🙂  die Schleier der Illusion (Maya) werden hinweg gezogen und wir erfahren unsre wahre Natur als Sat Chit Ananda. Sein, Bewusstsein und Glückseligkeit, reflektiert durch die Gegenwart einer anderen Person. In Wahrheit verlieben wir uns immer in unser eigenes Selbst, da es fundamental nur ein Selbst gibt. Am Anfang sagen wir „Ich liebe Dich“ (auf der dualistischen Ebene benötigt die Liebe ein Gegenüber) doch wenn wir uns auf das Erwachen einlassen, dann werden wir verstehen  „Ich bin die Quelle der Liebe“.  Im vorletzten Vers des Atma Bodha, des Werkes von Shankaracharya über die Erkenntnis des Selbst, schreibt er:

„Atman, die Sonne der Erkenntnis, die am Himmel des Herzens aufsteigt, zerstört die Dunkelheit der Ignoranz, durchdringt und erhält alles und leuchtet und erleuchtet alles.“ (Atma Bodha – Vers 67: Die Sonne der Erkenntnis steigt auf)