Die Umweltkrise ist eine spirituelle Krise

Diejenigen, die versuchen Religion und Leben zu trennen, sind weit abgeirrt von dem geraden Weg, der Lebensweise im Einklang mit der wahren Natur der Realität. Viele Anzeichen sprechen dafür, dass sich der moderne Mensch von der gottgegebenen ursprünglichen Natur (fiṭra) entfernt hat.  Möglicherweise können die Probleme der Moderne nur gelöst werden, wenn wir zu diesem Fehler am Anfang der Rechnung zurückkehren und ihn berichtigen, sodass wir wieder ein Gleichgewicht zwischen dem Materiellen und dem Spirituellen, dem säkularen und dem sakralen Leben erlangen, wie es im Bild vom Lebensbaum und dem Garten Eden sichtbar wird. Viele Menschen fühlen den Schmerz unserer Not leidenden Erde, aber wir werden sie nur schützen und bewahren können, wenn es einen grundlegenden Bewusstseins- und Wertewandel gibt. Spiritualität und Ökologie gehen dabei Hand in Hand.

„Wer wirklich hinschaut, was mit unserer Erde geschieht – und es fällt schwer, sich anzusehen, was mit unserem Wasser, unserer Luft, unseren Bäumen und allen anderen Mitgeschöpfen auf dieser Erde geschieht –, dem wird eines klar: Es ist nahezu unmöglich, uns diesen enormen vor uns liegenden Aufgaben zu stellen, es sei denn, wir sind verwurzelt in einer spirituellen Praxis, die das Leben als heilig ehrt und uns dazu ermuntert, in freudiger Gemeinschaft mit allen Mitgeschöpfen zu leben.“
~ Joanna Macy, Das Ergrünen des Selbst

Mit anderen Worten: es ist an der Zeit Religion und Ökologie zu einer spirituellen Ökologie zu verbinden, denn die Umweltkrise ist eine spirituelle Krise. Die spirituelle Ökologie geht davon aus, dass es einen inneren Zusammenhang von Geist, Natur und Mensch gibt. Nur wenn wir uns an die Heiligkeit der Natur erinnern, uns wieder bewusst mit der Weltseele (anima mundi) verbinden, können wir die ökologische Krise überwinden. Das Seelenheil des Menschen und der Naturschutz sind unzertrennlich miteinander verbunden, denn die Erde ist die Mutter allen Lebens, ein heiliger, atmender und pulsierender Organismus, ein Teil der lebendigen Einheit, der wir angehören.  Es gibt kein Wohlergehen der Seele ohne das Wohlergehen der Erde und vice versa. Die Menschheit steht nun vor der Wahl den Kreislauf der gegenseitigen Zerstörung, die Spirale der Negativität fortzuführen oder eine radikale Umkehr zu vollziehen, wie es beispielsweise Eckhart Tolle in seinem Buch Eine Neue Erde (Bewusstseinssprung anstelle von Selbstzerstörung)   formuliert.

„Ein weiterer Aspekt der kollektiven Funktionsstörung, an der die Menschheit krankt, ist die beispiellose Gewalt von Menschen gegenüber anderen Lebensformen und der Erde selbst – die Zerstörung Sauerstoff produzierender Wälder und anderer Vertreter der Fauna und Flora, die Tierquälerei in der industriellen Landwirtschaft, die Vergiftung der Flüsse und Meere und die Verschmutzung der Luft. Von Gier getrieben und ohne ein Gefühl der Verbundenheit mit dem Ganzen, bleiben die Menschen beharrlich bei einem Verhalten, das nur in ihre eigene Vernichtung führen kann (wenn ihm nicht Einhalt geboten wird.“ (Eckhart Tolle, Eine Neue Erde, S. 22)

 

Der katholische Theologe und Kulturhistoriker Thomas Berry schreibt: „Wir stehen vor einer einzigen Aufgabe: Überleben. Es geht nicht nur um das physische Überleben, sondern das Überleben in einer erfüllten Welt, das Überleben in einer lebendigen Welt, in der die Veilchen im Frühling blühen, in der die Sterne geheimnisvoll auf uns herabscheinen, es geht um das Überleben in einer sinnerfüllten Welt.“  (Thomas Berry, Spiritual Ecology, Kapitel 2) die ökologische Krise ist nicht nur ein äußeres Problem, denn sie verweist auf ein sehr viel tieferes Problem: eine Erkrankung des Herzens. Politische Programme werden darum nicht genug sein. Wir werden nicht vorbei kommen an einer schonungslosen, wahrheitsgemäßen Betrachtung der Symptome dieser geistigen Erkrankung des Herzens, um dem Patienten – der ganzen Menschheit – die passende „Medizin des Herzens“ verabreichen zu können. Hier geht es um nichts geringeres, als einen Prozess der Umkehr, den die Sufis Tauba nennen (ein „neues Ausrichten des Herzens“, „ein spirituelles Erwachen“) etymologisch ist der Begriff Tauba verwandt mit dem hebräischen Wort tešûbah (תשובה), das im Judentum in etwa die gleiche Bedeutung hat („sich wenden, zurückkehren, sich bekehren, sich zuwenden“) und im Neuen Testament finden wir den Begriff der metanoia (μετάνοια)
womit eine Umkehr des Denkens und eine Neuorientierung in der Seinsweise gemeint ist.

„Ich glaube, die größte Gefahr, der wir heute gegenüberstehen, ist der Verfall des Ökosystems, von dem unser Leben abhängt. Die Lebenssysteme, die uns tragen, lösen sich auf. Arten sterben unvorstellbar schnell aus und das ist kein Zufall. Es ist das Resultat unsres Lebensstils.“ (Pir Zia Inayat Khan)

Wie viel mehr Zeichen benötigen wir, damit wir unsren Lebensstil überdenken? Tauba ist allerdings nicht nur eine Umkehr des Menschen zu Gott, sondern gleichzeitig die gnadenvolle und segensreiche Hinwendung Gottes zu den Menschen. Es gibt also eine Korrelation zwischen menschlicher und göttlicher Tauba. So heißt es explizit in Sure 5:39: „Wer nach seiner Unrechtstat umkehrt (tāba) und sich bessert, dem wendet sich auch Gott gnädig wieder zu (innā Llāha yatūbu ʿalaihi).“ – wenn der Mensch umkehrt, so kann er jederzeit die göttliche Gnade erwarten, da der Unendliche Eine Schöpfer der Sich-Gnädig-Zuwendende (at-tauwāb) und Barmherzige (ar-raḥīm) ist. Da einer der göttlichen Namen tauwāb ist, bedeutet das, dass der Schöpfer immer wieder bereit ist, sich den Menschen gnädig zuzuwenden und ihre Umkehr anzunehmen. Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen. Wenn uns die großen sakralen Traditionen der Menschheit eines lehren, dann dies: Wiedergutmachung, Heilung, Vergebung, die Wiederherstellung der inneren und äußeren Gesundheit und Harmonie ist möglich.

Literaturempfehlungen:

* Thomas Berry, Dreamer of the Earth: The Spiritual Ecology of the Father of Environmentalism

*Spirituelle Ökologie: Der Ruf der Erde

*Purification of the Heart: Signs, Symptoms and Cures of the Spiritual Diseases of the Heart (Hamza Yusuf)

*Medizin des Herzens: 99 Heilungswege der Sufis

*Das Wilde und das Heilige: The Great Work – Unser Weg in die Zukunft

*The Sacred Universe: Earth, Spirituality, and Religion in the Twenty-First Century

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#Gedanke: Jesus, Archetyp des Magiers

Wunderbar gesagt 🙂

hagenunterwegs

„Jesus (Chritus) ist ein klassischer (Archetyp) Magier,
besonders in der Bergpredigt und in seinen Gleichnissen.

Dogmatiker und Exegeten wissen nicht,
was sie damit anfangen sollen,
weil man daraus kein Dogma machen kann.

Jesus ist viel mehr Magier oder Schamane
als Theologe oder Prediger
einer institutionalisierten Religion.

Er benennt die Realität,
er treibt die Dämonen und das Dunkle aus,
er weist auf das Licht
und feiert es.“

(Richard Rohr)

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Die spirituelle Schwingung wahrer Kunst

Es ist sehr faszinierend, wenn man erfährt, welche Gedanken der Arbeit eines Künstlers zugrunde liegen. Jean Delville ist besonders bemerkenswert, denn er wusste um die spirituelle Dimension der Kunst. Hier ein paar Auszüge aus seiner Schrift Mission de l’Art.“

„Die Idee, im metaphysischen oder esoterischen Sinn, ist die Kraft, die universale und göttliche Kraft, die die Welten bewegt, und ihre Bewegung ist der höchste Rhythmus, aus dem das harmonische Wirken des Lebens hervorgeht. Wo kein Gedanke ist, gibt es kein Leben, keine Schöpfung. Die moderne westliche Welt ist sich dieser ungeheuren Macht des Ideals nicht mehr bewusst, und die Kunst ist damit unvermeidlich degradiert worden. Diese Unkenntnis der schöpferischen Kräfte des Denkens hat jedoch alle modernen Urteile verdunkelt und auf den Materialismus gelenkt. Der Materialismus weiß nicht, wie Ideen und Gedanken schwingen und wie diese Schwingungen auf das Bewußtsein des Einzelnen einwirken. Und doch sind diese Schwingungen, obwohl sie für den größten Teil der Menschheit unsichtbar sind, in der Lage, einen erstaunlichen Einfluss auf die Mentalität des Menschen auszuüben und somit deren Entwicklung zu unterstützen. Vor den Werken des Genies empfängt das menschliche Bewusstsein geistige und spirituelle Schwingungen, die durch die Kraft der reflektierten Idee erzeugt werden. Je erhabener, reiner und erhabener ein Werk ist, desto mehr wird das innere Wesen, das mit den von ihm ausgehenden idealen Schwingungen in Berührung kommt, erhoben, gereinigt und erhaben gemacht. Der Künstler, der nicht idealistisch ist, das heißt, ein Künstler, der nicht weiß, dass jede Form das Ergebnis einer Idee sein muss, und dass jede Idee ihre Form haben muss, der Künstler kurz gesagt, der nicht weiß, dass Schönheit der leuchtende Begriff des Gleichgewichts in den Formen ist, wird niemals einen Einfluß auf die Seele haben, weil seine Werke wirklich ohne Gedanken sein werden, das heißt ohne Leben.“
Jean Delville: La Mission de l’Art, p. 11-12

„Das Werk der idealistischen Kunst ist daher das, was die drei großen Worte des Lebens in sich vereinen wird: das Natürliche, das Menschliche und das Göttliche. Um dieses ästhetische Gleichgewicht zu erreichen, das – ich freue ich mich dies zuzugeben – für niemanden erreichbar ist! – muss man in der Arbeit die reinste Idee auf intellektueller Ebene finden, die schönste Form innerhalb des künstlerischen Bereiches, und die perfekteste Technik in Bezug auf die Ausführung. Ohne eine Idee verfehlt ein Werk seine intellektuelle Mission, ohne Form verfehlt es seine natürliche Mission und ohne Technik verfehlt es sein Ziel der Perfektion.“
– Jean Delville: La Mission de l’Art, p. 35-36

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Jean Delville ~ Le Lac au Clair de Lune