Spirituelle Ökologie und die Heilung der Welt

Das interspirituelle Zeitalter steht im Zusammenhang mit unserem erwachenden Sinn für eine allseitige Verbundenheit, der tief in dem Bewusstsein der Einheit, der wir alle angehören, seinen Ursprung hat. Dieses Wissen von der Einheit allen Seins, von dieser göttlichen Einheit, die uns allen gemeinsam ist, war den Mystikern und spirituell Praktizierenden seit jeher vertraut, aber jetzt beginnt es sich im kollektiven Bewusstsein der Menschheit herauszubilden. Wir bewegen uns von einer Ära der Aufspaltung in eine Ära der Einheit, zu dem Bewusstwerden der Einheit und des „Interseins“, des Miteinander-Verwobenseins aller Schöpfung , wie es in dem wunderbaren und numinosen Bild von Indras Netz aus der Tradition des Mahayana Buddhismus dargestellt ist:

„Hier wird das Universum als unendliches Netz gesehen; wo immer die Fäden sich kreuzen, ist jeweils eine helle, leuchtende Perle, in der sich all die anderen Perlen spiegeln und die wiederum von ihnen gespiegelt wird. Jede Perle ist ein individuelles Bewusstsein – sei es von einem Menschen, einem Tier, einer Pflanze, einer Zelle oder einem Atom – und so verursacht eine Veränderung in einer Perle, wie klein sie auch sein mag, eine Veränderung in all den anderen Perlen, wobei jede einzeln wie auch auf das Ganze reagierend ist.“ (i)

Wesentlich in diesem Erwachen zur Einheit und ihrem lebendigen wechselseitigen Verbundensein ist das Gewahrwerden, in wieweit wir ein unabdingbarer Teil des Ökosystems des Planeten sind.

[…]

Die Menschen, die die Weisheit der natürlichen Welt bewahren, wissen, dass die geschaffene Welt und all ihre vielen Bewohner heilig sind und zusammengehören. Unsere Abtrennung von der natürlichen Welt hat uns zwar die Früchte der Technologie und Wissenschaft ernten lassen, aber wir haben dadurch jegliche instinktive Verbindung zur spirituellen Dimension des Lebens verloren – die Verbindung zwischen unserer Seele und der Seele der Welt, das Wissen, dass wir alle Teil eines lebendigen spirituellen Wesens sind. Diese Ganzheit ist es, die jetzt inständig nach uns ruft und unsere Antwort braucht. Sie braucht von uns, dass wir unsere Wurzel und unsere Verwurzelung wiedergewinnen: unsere Beziehung zum Heiligen in der Schöpfung. Nur von dem Ort heiliger Ganzheit und Verehrung aus können wir die Aufgabe des Heilens beginnen, können wir die Welt wieder ins Gleichgewicht bringen. Wir können nicht zur Einfachheit einer indigenen Lebensweise zurückkehren, aber wir können uns bewusst werden, dass sich unsere Handlungen und unsere Haltung auf individueller Ebene sehr wohl global auf die Welt, die innere wie auch die äußere, auswirken.

Wir können lernen, nachhaltiger zu leben, uns nicht in unnötigem Materialismus zu verfangen. Wir können auch lernen, das spirituelle Ungleichgewicht der Welt zu heilen: Unser individuelles Gewahrsein des Heiligen in der Schöpfung hebt die Spaltung von Geist und Materie in unserer eigenen Seele und in der Seele der Welt wieder auf. Mehr als wir wissen, sind wir mit dem spirituellen Körper der Erde vernetzt. Wir alle werden unsere eigene Weise entwickeln, diese Verbindung zu leben, diese ursprüngliche Achtsamkeit für unser Verwobensein mit der Erde. So gibt es zum Beispiel ein einfaches Gebet für die Erde, bei dem wir, während wir innerlich an Gott denken, die Welt als lebendiges Wesen in unserem Herzen halten. Wir werden uns in unserem Herzen des Kummers und Leidens der Welt gewahr und bitten, dass göttliche Liebe und Heilung dahin fließen mögen, wo Not ist, und dass auch dann, wenn wir damit fortfahren, die Welt so schlecht zu behandeln, die Macht des Göttlichen uns und der Welt helfen möge, die Erde ins Gleichgewicht zurückzubringen.

~ Llevellyn Vaughan Lee, Einheit und Spirituelle Ökologie (goldensufi.org) Mehr Artikel von Llevellyn können hier gelesen werden und hier: Working with Oneness

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Der Baum des Lebens

 

Ich bin das Sonnenstäubchen, ich bin der Sonnenball.
Zum Stäubchen sag‘ ich: bleibet und zu der Sonn‘: entwall.
Ich bin der Morgenschimmer, ich bin der Abendhauch.
Ich bin des Haines Säuseln, des Meeres Wogenschwall.
Ich bin der Mast, das Steuer, der Steuermann, das Schiff;
Ich bin, woran es scheitert, die Klippe von Korall.
Ich bin der Vogelsteller, der Vogel und das Netz.
Ich bin das Bild, der Spiegel, der Hall und Wiederhall,
Ich bin der Baum des Lebens und drauf der Papagei;
Das Schweigen, der Gedanke, die Zunge und der Schall.
Ich bin der Hauch der Flöte, ich bin des Menschen Geist,
Ich bin der Funk‘ im Steine, der Goldblick im Metall.
Ich bin der Rausch, die Rebe, die Kelter und der Most,
Der Zecher und der Schenke, der Becher von Krystall.
Die Kerz‘, und der die Kerze umkreist, der Schmetterling;
Die Ros‘, und von der Rose berauscht, die Nachtigall.
Ich bin der Arzt, die Krankheit, das Gift und Gegengift,
Das Süße und das Bittre, der Honig und die Gall‘.
Ich bin der Krieg, der Friede, die Walstatt und der Sieg,
Die Stadt und ihr Beschirmer, der Stürmer und der Wall.
Ich bin der Kalk, die Kelle, der Meister und der Riß,
Der Grundstein und der Giebel, der Bau und sein Verfall.
Ich bin der Hirsch, der Löwe, das Lamm und auch der Wolf,
Ich bin der Hirt, der alle beschließt in einem Stall.
Ich bin der Wesen Kette, ich bin der Welten Ring,
Der Schöpfung Stufenleiter, das Steigen und der Fall.
Ich bin, was ist und nicht ist. Ich bin, o der du’s weißt,
Dschelaleddin, o sag es, ich bin die Seel‘ im All.

Aus den Ghaselen des Mewlana Dschelaleddin Rumi. (Übersetzt von Friedrich Rückert)

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Der Weg der Vervollkommnung

„Es ist eine akzeptierte spirituelle Idee geworden, dass jeder Teil des Universums das Ganze in gewisser Weise widerspiegelt. Die zeitgenössische Spiritualität hat das holographische Modell der zeitgenössischen Wissenschaft entlehnt. Diese Vorstellung hat es im Sufismus immer gegeben und drückt sich zum Beispiel in der Vorstellung aus, dass der Mensch nicht nur ein Tropfen ist, der mit dem Ozean verschmelzen kann, sondern ein Tropfen, der den Ozean enthält. Jedes göttliche Attribut ist im menschlichen Herzen latent, und durch die Zusammenarbeit des menschlichen Willens mit göttlicher Gnade können diese Attribute erweckt und manifestiert werden. Wir Menschen enthalten in uns das Potenzial, Vollendung zu erfahren, unsere innige Beziehung zum gesamten Sein so zu kennen, dass wir diese Vollendung durch uns reflektieren. Die höchste spirituelle Errungenschaft wurde durch den Ausdruck insân-i kâmil, den vollendeten Menschen, ausgedrückt. Als ich zum ersten Mal den Mevlevi-Weg betrat, wurde mir gesagt, dass das Ziel „Vollendung“ war: „Wenn Sie ein Jude sind, werden Sie ein vollständiger Jude werden; Wenn Sie Christ sind, werden Sie ein vollständiger Christ. und wenn Sie ein Muslim sind, werden Sie ein vollständiger Muslim. “ Die Offenheit und Großzügigkeit dieser Behauptung hat mich sehr bewegt und ich habe verstanden, dass „Vollendung“ die Erfüllung der Botschaft ist, welche die Propheten all dieser großen Religionen bringen.

Was mein Herz in die Knie zwang, war die Begegnung mit einem Menschen, der diese Vollendung vorbildlich darstellte, der die göttliche Majestät verkörperte und gleichzeitig die vollkommenste Demut ausdrückt. Dieses Paradox hat alle früheren spirituellen Errungenschaften, die ich erlebt hatte, relativiert. Das Leben hatte mich mit Menschen bekannt gemacht, die in den Bereichen Intelligenz, Wille, Bewusstsein und sogar Liebe hoch entwickelt waren. Aber bis zu diesem Zeitpunkt schien niemand vollkommen zu sein. Ich hatte die unglaubliche Würde und Verantwortung des Menschseins entdeckt: Was ist der Sinn des Willens oder des Bewusstseins ohne Liebe? Und andererseits, welchen Wert hätte Demut, ohne die in uns latenten göttlichen Attribute zu erwecken und zu manifestieren?– Kabir Helminski, Das Wissende Herz: Ein Sufi-Pfad der Transformation

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