Der Baum des Lebens

 

 

Ich bin das Sonnenstäubchen, ich bin der Sonnenball.
Zum Stäubchen sag‘ ich: bleibet und zu der Sonn‘: entwall.
Ich bin der Morgenschimmer, ich bin der Abendhauch.
Ich bin des Haines Säuseln, des Meeres Wogenschwall.
Ich bin der Mast, das Steuer, der Steuermann, das Schiff;
Ich bin, woran es scheitert, die Klippe von Korall.
Ich bin der Vogelsteller, der Vogel und das Netz.
Ich bin das Bild, der Spiegel, der Hall und Wiederhall,
Ich bin der Baum des Lebens und drauf der Papagei;
Das Schweigen, der Gedanke, die Zunge und der Schall.
Ich bin der Hauch der Flöte, ich bin des Menschen Geist,
Ich bin der Funk‘ im Steine, der Goldblick im Metall.
Ich bin der Rausch, die Rebe, die Kelter und der Most,
Der Zecher und der Schenke, der Becher von Krystall.
Die Kerz‘, und der die Kerze umkreist, der Schmetterling;
Die Ros‘, und von der Rose berauscht, die Nachtigall.
Ich bin der Arzt, die Krankheit, das Gift und Gegengift,
Das Süße und das Bittre, der Honig und die Gall‘.
Ich bin der Krieg, der Friede, die Walstatt und der Sieg,
Die Stadt und ihr Beschirmer, der Stürmer und der Wall.
Ich bin der Kalk, die Kelle, der Meister und der Riß,
Der Grundstein und der Giebel, der Bau und sein Verfall.
Ich bin der Hirsch, der Löwe, das Lamm und auch der Wolf,
Ich bin der Hirt, der alle beschließt in einem Stall.
Ich bin der Wesen Kette, ich bin der Welten Ring,
Der Schöpfung Stufenleiter, das Steigen und der Fall.
Ich bin, was ist und nicht ist. Ich bin, o der du’s weißt,
Dschelaleddin, o sag es, ich bin die Seel‘ im All.

Aus den Ghaselen des Mewlana Dschelaleddin Rumi. (Übersetzt von Friedrich Rückert)

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Der Weg der Vervollkommnung

„Es ist eine akzeptierte spirituelle Idee geworden, dass jeder Teil des Universums das Ganze in gewisser Weise widerspiegelt. Die zeitgenössische Spiritualität hat das holographische Modell der zeitgenössischen Wissenschaft entlehnt. Diese Vorstellung hat es im Sufismus immer gegeben und drückt sich zum Beispiel in der Vorstellung aus, dass der Mensch nicht nur ein Tropfen ist, der mit dem Ozean verschmelzen kann, sondern ein Tropfen, der den Ozean enthält. Jedes göttliche Attribut ist im menschlichen Herzen latent, und durch die Zusammenarbeit des menschlichen Willens mit göttlicher Gnade können diese Attribute erweckt und manifestiert werden. Wir Menschen enthalten in uns das Potenzial, Vollendung zu erfahren, unsere innige Beziehung zum gesamten Sein so zu kennen, dass wir diese Vollendung durch uns reflektieren. Die höchste spirituelle Errungenschaft wurde durch den Ausdruck insân-i kâmil, den vollendeten Menschen, ausgedrückt. Als ich zum ersten Mal den Mevlevi-Weg betrat, wurde mir gesagt, dass das Ziel „Vollendung“ war: „Wenn Sie ein Jude sind, werden Sie ein vollständiger Jude werden; Wenn Sie Christ sind, werden Sie ein vollständiger Christ. und wenn Sie ein Muslim sind, werden Sie ein vollständiger Muslim. “ Die Offenheit und Großzügigkeit dieser Behauptung hat mich sehr bewegt und ich habe verstanden, dass „Vollendung“ die Erfüllung der Botschaft ist, welche die Propheten all dieser großen Religionen bringen.

Was mein Herz in die Knie zwang, war die Begegnung mit einem Menschen, der diese Vollendung vorbildlich darstellte, der die göttliche Majestät verkörperte und gleichzeitig die vollkommenste Demut ausdrückt. Dieses Paradox hat alle früheren spirituellen Errungenschaften, die ich erlebt hatte, relativiert. Das Leben hatte mich mit Menschen bekannt gemacht, die in den Bereichen Intelligenz, Wille, Bewusstsein und sogar Liebe hoch entwickelt waren. Aber bis zu diesem Zeitpunkt schien niemand vollkommen zu sein. Ich hatte die unglaubliche Würde und Verantwortung des Menschseins entdeckt: Was ist der Sinn des Willens oder des Bewusstseins ohne Liebe? Und andererseits, welchen Wert hätte Demut, ohne die in uns latenten göttlichen Attribute zu erwecken und zu manifestieren?– Kabir Helminski, Das Wissende Herz: Ein Sufi-Pfad der Transformation

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